Unterwegs im Süden Indiens (Teil 2)

Unterwegs im Süden Indiens (Teil 2)

Nachdem wir in den ersten Reisetagen bereits unvergessliche Eindrücke von Südindien in Chennai, Mahabalipuram und Mysore sammeln konnten (siehe Teil 1 dieses Beitrags), chauffierte uns unser Fahrer Chetan nun weiter nach Coorg ins Bergland, inmitten von Kaffee- und Gewürzplantagen gelegen. Hier gedeihen auch Orangen, Ananas, Reis oder Teakholz. Nach Tagen großer Hitze waren die Temperaturen im Bergland angenehm. Die Anlage „Orange County“, in der wir wohnten, war ein Traum. Wir hatten einen eigenen Pool im Garten und labten uns erst mal an den mitgebrachten leckeren Mangofrüchten. Nie habe ich besseren Kaffee probiert, kaum ein Dinner war je stilvoller als hier im Restaurant bei Kerzenschein.

Die Fahrt ging weiter nach Kabini ins Schwesterresort „Orange County“. Hier war der Ausgangspunkt der nachmittäglichen Exkursion durch den Nagarhole-Nationalpark, der als Geheimtipp unter den Nationalparks gilt. Dichte Dschungelwälder, tiefe Täler, Sümpfe sowie Rosen- und Teakholzbäume prägten die Landschaft. Erika entschied sich für eine Safari im Canter… und sah einen Tiger! Ich wollte gemütlich im Boot die bunte Tierwelt erleben. Und tatsächlich: Neun Elefanten tummelten sich unweit im Gras.

Nach einigen Stunden Autofahrt kamen wir schließlich im Bundesstaat Kerala in Calicut (Kozhikode) an, einst bedeutendes Handelszentrum für Gewürze und Stoffe am Arabischen Meer. Nördlich von Calicut legte 1498 der legendäre portugiesische Seefahrer Vasco da Gama an, der erste Europäer, der Indien auf dem Seeweg erreichte. Inmitten eines unscheinbaren Wohngebiets besuchten wir die Uru-Werft, einen Betrieb mit einer mehr als 2000-jährigen Tradition im Schiffbau. Ein „Uru“ ist ein aus Mahagoni bestehendes, noch heute nach jahrhundertealten Bauplänen in aufwendiger Handarbeit gefertigtes Holzschiff. Die Konstruktionsunterlagen – sie existieren nur im Kopf des Werftinhabers – wurden über Generationen von Inhaber zu Inhaber mündlich übermittelt. Man sagte uns, der Inhaber käme täglich zum Arbeitsbeginn in den Betrieb und gebe lediglich die Arbeiten für diesen Tag preis, damit keiner an den Konstruktionsplan in Gänze gelangt. Gefertigt werden diese Boote vor allem für Scheichs im Mittleren Osten.

Und wieder ging es hinein in den indischen Verkehr mit seinen gelassenen Verkehrsteilnehmern, die meist zügig und versiert fahren, mit Hupe und Bremse gut umgehen können und das notwendige Glück auf ihrer Seite zu haben scheinen… Auf unseren mehr als 2.000 gefahrenen Kilometern sahen wir lediglich einmal einen Unfall mit geringfügigem Blechschaden, obwohl die zweispurigen Straßen oft mit drei oder vier Verkehrsteilnehmern auf gleicher Höhe drei- oder vierspurig befahren waren.

Cochin (Kochi), wohl schönste Stadt Keralas hat uns mit der künstlich errichteten Insel Wellingdon, dem Palast von Mattancherry (Dutch Palace), der Synagoge, dem Fort Kochi mit Resten der historischen Verteidigungsmauern und ihren Fischern mit den chinesischen Fischernetzen voll in ihren Bann gezogen. Zu Recht trägt Cochin auch den Beinamen „Venedig des Ostens“. Am Abend besuchten wir eine Kathakali-Tanzshow. Sie begann mit einer Einführung in die Bedeutung der verschiedenen Gesichtsausdrücke und der Körpersprache, damit wir das anschließende Theaterstück besser verstehen und genießen konnten. Ein fantastisches Erlebnis!

Die Reise ging weiter durch die Kardamom Hills, den südlichen Teil der Western Ghats. Teeplantagen, wohin das Auge schaute, zwischendrin ein netter kleiner Teeshop. Endlich im Hotel nahe des Periyar-Nationalparks angekommen, warteten zwei Köche, um uns einige Spezialitäten der keralischen Küche nahe zu bringen. Gemeinsam bereiteten wir Kerala Chicken Curry und Thoran (ein mit Kokos versetztes Gemüse) zu. Den Abend verbrachten wir bei einer Aufführung des Kalaripayattu, einer indischen Kampfsportart. Was aber wäre ein Besuch im Periyar-Nationalpark ohne die obligatorischer Bootssafari in aller Herrgottsfrühe? Wir erlebten dann auch eine große Vogelvielfalt; Bisons, Sambarhirsche, Wildschweine, diverse Affen und Elefanten aus nächster Nähe…

Eine kurvenreiche Fahrt die Western Ghats hinab zur tropischen Küstenebene Keralas, in das Gebiet der Backwaters, einem vernetzten Wasserstraßensystem im dschungelartigen Hinterland von Kerala, führte uns direkt nach Alleppey (Allapuzha) und nach Pallathuruthi. Hier befindet sich der Hafen der „Kettuvalam“, der Hausboote. Ein solches Hausboot war in den nächsten 24 Stunden unser Zuhause. Früher wurden diese Boote als Lastkähne vor allem für Reis, Bananen und Materialien aus Kokospalmen genutzt. Ein himmlisches Erlebnis, solch eine Kettuvalam-Tour durch die romantische Wasserlandschaft der Backwaters! Beruhigend und wohltuend das sanfte Gleiten durch die Wasserarme, gesäumt von einer Vielfalt an Vegetation, Fauna und dörflichen Ansiedlungen. Wir kreuzten Richtung Süden bis zur Kirche Chambakulam, fuhren nach Nedumudi, wo wir übernachteten, weiter nach Bhavan, von wo aus der Vambanad-See zu sehen war, und zurück über Punamado nach Pallathuruthi…

Der abschließende Teil unserer Reise bestand aus Ayurveda, viel Ruhe und Yoga im „Somatheeram Research Institute & Ayurveda Hospital“ von Kovalam inmitten eines wunderschönen tropischen Gartens. Tägliche Meditation und Yoga-Übungen, Arztkonsultationen, ayurvedische Behandlungen; von nun an verliefen die Tage wohl strukturiert, ganz auf Ruhe, mentale Regeneration und innere Säuberung ausgerichtet…

Aber einen touristischen Leckerbissen hatten wir uns für den Schluss der Reise aufgehoben: Einen Ausflug zum südlichsten Punkt Indiens, Kanniyakumari. Die felsige Landspitze dort wird umspült vom Wasser der Bucht von Bengalen im Osten, dem Indischen Ozean im Süden und dem Arabischen Meer im Westen. Die lokale Schutzgöttin Kanniyakumari, eine Erscheinungsform Parvatis, soll hier strenge Buße geübt haben, um Gott Shiva heiraten zu können. Es schloss sich also der Kreis zu Shiva, der uns in Gestalt des Nataraja bereits ganz am Anfang der Reise in Chennai in seinen Bann gezogen hatte.

Bis bald!

Birgit & Erika

(Vielen Dank an Dr. Erika Kriesing für die freundliche Mitarbeit an diesem Beitrag!)

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Dr. Birgit Peschke

Ja, Korea gilt meine Liebe, aber auch an Japan habe ich einen Narren gefressen! In den Neunzigern war ich fast ausschließlich mit Chinareisen zugange, bis der große Einschnitt im Jahre 2003 in Gestalt der Sars-Epidemie die Reisewelle ins Land der Mitte unterbrach. Auf einmal hatten wir viel Zeit, die ich u.a. wieder für Reisen nutzte. Hongkong, Taiwan, Thailand – und Indien standen auf dem Programm. Seitdem haben wir Indien in unserem Portfolio. Unvergessen die ekstatischen Feiern zur Kumbh Mela in Haridwar im April 2010. Aber auch der Besuch im Goldenen Tempel in Amritsar im Oktober 2015 hat mich tief beeindruckt…

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