Mit dem Auto über den Srinagar-Leh-Highway

Mit dem Auto über den Srinagar-Leh-Highway

2013 im August – ein lang gehegter Traum geht in Erfüllung. Von Delhi geht es per Flug über Amritsar nach Kaschmir. Von Srinagar starten wir unsere Überlandtour nach Ladakh. Wir wollen nach Leh, den alten Karawanen- und Basarort, heute Hauptstadt der Region und höchstgelegene Stadt Indiens auf etwa 3.500 m Höhe, sowie in das Nubra-Tal.

Einen Abstecher haben wir uns gegönnt: Der „Goldene Tempel“ in Amritsar ist allein schon eine Reise wert. Hier fasziniert neben der großartigen Architektur (dem Taj Mahal durchaus ebenbürtig!) die Möglichkeit, das religiöse Leben der Sikhs hautnah miterleben zu können. Am späten Nachmittag sollte man sich vorübergehend von der Traumkulisse verabschieden und ca. 20 Kilometer zur indisch-pakistanischen Grenze fahren. Hier kann man jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang ein bizarres, militärisches Spektakel erleben, wenn beide Länder ihre Flaggen am Grenzübergang Wagah einholen – angefeuert von Zehntausenden Menschen in einer volksfestartigen Stimmung. Soldaten im Stechschritt. Wirbelnde Arme. Jede Bewegung ist perfekt synchronisiert, und die Fans auf beiden Seiten der Grenze sind außer Rand und Band, überbieten sich in nationalen Jubelsprechchören. Die Grenzzeremonie ist auf beiden Seiten ein Ventil. Seit der Teilung und Unabhängigkeit von 1947 ist hier viel Blut geflossen. Heute ist die Lage in Kaschmir relativ ruhig, eine Reisewarnung gibt es nicht mehr, Konfliktpotenzial ist jedoch reichlich vorhanden.

Unsere nächste Station Srinagar ist die „Sommerhauptstadt“ des Bundesstaates Jammu & Kashmir und Ausgangspunkt für die Überlandtour nach Leh. Auf einer Höhe von 1.730 m leben dort ca. 1,2 Millionen Einwohner. Die Stadt, die wegen ihrer vielen Wasserläufe gelegentlich mit Venedig verglichen wird, wurde im 6. Jh. n. Chr. angelegt. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Tempel im Kaschmirstil. Im 14. und 15. Jh. kamen die islamischen Eroberer und prägten das Stadtbild mit ihren Moscheen, Palästen und wunderschönen Gärten. Der rund 8 km lange und 4 km breite Dal See ist im Sommer mit großen Lotusblütenfeldern bedeckt. Die perfekte Kulisse für unser schwimmendes Hotel. Unser Hausboot bietet jeglichen Komfort, ein privater Koch und ein Stewart machen das Leben derart angenehm, dass man sich beim Abschied ärgert, nicht doch noch eine Nacht mehr gebucht zu haben.

Eine 8 Stunden lange Fahrt nach Kargil über den 3.528 Meter hohen Zojila Pass und vorbei am Grenzgebiet zu Pakistan stehen uns bevor als wir gegen 8:00 Uhr das Hausboot in Srinagar verlassen und ins Auto steigen. Nach etwa zwei Stunden Fahrt durch zahlreiche Dörfer und immer leicht bergan sind wir am Checkpoint in Sonamarg. Es scheint die Sonne und der vor uns liegende Pass ist frei Mit der Anzahl der Kehren wird das Wetter schlechter. Die ungeteerte Straße wird zunehmend zu einer rutschigen Matschpiste. Unser junger Fahrer hat jedoch alles unter Kontrolle. Auch als sich die Straße in ein gefährliches Geröllfeld verwandelt. Rechts geht es mehrere Hundert Meter steil bergab, links klettert eine ebenfalls meterhohe Felswand in die Höhe. Die Angst vor Erdrutschen wächst. Vor uns tauchen Trucks und Armeefahrzeuge auf, die es irgendwie geschafft haben, den Gegenverkehr zu passieren ohne, dass jemand in den Abgrund stürzt. Kurz vor dem Pass geht jedoch nichts mehr. Die Piste muss erst befahrbar gemacht werden. Nach gut einer Stunde ruckt die Kolonne wieder an, und der Fahrzeugstau löst sich langsam auf. Wir sind froh, dass der Weg bergab wieder besser wird und das Wetter freundlicher. Unterwegs zieht die atemberaubende Landschaft Ladakhs an uns vorbei. Berge, Wüsten, tiefe Schluchten – ein Niemandsland abgelöst von kleinen bewässerten Oasen, in denen kalte Winde vorherrschen und die Zelte der Nomaden. Neben einigen kleineren Dörfern sind es hauptsächlich Militärbasen, an denen wir vorbei fahren. In Kargil angekommen scheint wieder die Sonne.

Unser Hotel ist einfach, aber viel besser, als vorher angekündigt. So machen wir uns am nächsten Morgen bei bester Laune auf, um zu den kulturellen Schätzen der Region zu gelangen. Nach 33 Kilometern in Moulbeck besichtigten wir das erste buddhistische Heilgtum auf dem Weg nach Leh. Danach gelangen wir zum Kloster Lamayuru – ein wahres Juwel! Das älteste Kloster Ladakhs liegt auf einem Felsen hoch über dem Indus. Einfach majestätisch! Am späten Nachmittag erreichen wir Alchi. Unser Hotel liegt unmittelbar neben dem Kloster in einer schönen Gartenanlage. Wir sind froh, dass wir 2 Nächte eingeplant haben, denn Alchi gilt als eines der wichtigsten buddhistischen Zentren in Ladakh.

Am nächsten Tag bleibt auch noch genügend Zeit, die nicht weit entfernten Klöster Rizdong und Likir zu besuchen. Kurz vor Leh noch ein Abstecher zum Kloster Spituk. Wir können nicht genug bekommen von der buddhistischen Klosterkultur. Hier in Ladakh, im „Hohe-Pässe-Land“ gibt es ca. 40 Klöster und mehr als 2000 Mönche – bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 30.000 Menschen. Die Mönche, die Menschen in allen Tälern ringsherum, sie alle verehren den Himalaya als Heimstatt der Götter. Anders, sagen sie, lässt sich die Existenz eines solchen Gebirges nicht erklären mit den höchsten Gipfeln der Erde und einer unglaublichen Vielfalt an Landschaften.

Der Weg von Alchi nach Leh steigt vom Hochplateau in einer atemberaubenden Fahrt in das tiefer liegende Tal hinab. Die vielen Kurven machen diesen Abschnitt zum spektakulärsten Teil der von Indern und Ladakhis im Jahre 1960 gebauten Militärstraße. Zum Landschaftsbild gehört der Indus, und wir genießen es, diesem berühmten Fluss so nahe zu sein.

In einem nördlichen Seitental des Indus liegt Leh. Wurden früher die Hauptstraßen dieses ehemals blühenden Handelszentrums vom bunten Bild der vorbeiziehenden Karawanen geprägt, galt es als Treffpunkt unzähliger Rassen und Nationen, die hier mit dem Warenangebot ihrer Länder Handel trieben, sind es nach der jahrelangen Isolation heute indische Soldaten, Backpacker, Reisegruppen und Geschäftsleute der benachbarten Provinz Kaschmir, die in den Sommermonaten das Straßenbild beherrschen. Wir sind froh, unser schönes Hotel liegt etwas außerhalb und abseits vom Trubel. Wir haben 3 Tage Zeit in Leh. Natürlich schauen wir uns weitere Klöster an: Hemis, Tikse und Shey. Einen ganzen Tag drehen wir eine große Runde per pedes durch die Oase Leh und stoßen dabei an unsere physischen Grenzen. Die Höhe und die Mittagshitze fordern Ihren Tribut!

Zum Schluss verwirklichen wir noch einen Traum: Wir fahren über die höchste befahrbare Straße der Welt in das Nubra Tal. Auf einem der alten Karawanenwege, heute eine Militärstraße, geht es hinauf zum Khardung La, dem höchsten Punkt auf 5.602 m Höhe. Das Wetter spielt mit, wir erleben tolle Aussichten und der Fotoapparat ist pausenlos im Einsatz!

Das Nubra-Tal, das Tal der Blumen, Äpfel und Aprikosen, ist wieder eine andere Landschaft im großen Himalayaraum. Wir sehen hoch oben vom Pass aus, wie sich langsam eine wüstenähnliche Landschaft mehr und mehr ausbreitet, umgeben vom höchsten Gebirgszug der Welt, dem Karakorum. Abends erreichen wir Hunder (sozusagen das Ende von Indien, weil man als Tourist nicht weiter darf) mit viel Grün, Wasserläufen, hohen Bergen auf der einen, Wüste mit Sanddünen und wilden Kamelen auf der anderen Seite. Unser Zeltcamp gefällt uns auf Anhieb. Am nächsten Tag besuchen wir zwei Klöster, eine heiße Quelle, und wir unternehmen eine kleine Wanderung zu einem heiligen See mitten in den Bergen. Der Weg zurück nach Leh wird zu keiner Zeit langweilig. Immer wieder neue fantastische Aussichten! Spektakulär auch der Rückflug nach Delhi. Der Aufstieg über die mehr als 6.000 m hohe Bergkette bietet „hautnahen“ Kontakt zu den Sechstausendern der Bergkette.

Beste Zeit für einen Besuch von Ladakh ist der Sommer von Juni bis September. Während dieser 4 Monate sind die Tage warm und sonnig in Leh und den umliegenden Gebieten (20 bis 30 Grad Celsius) und Nachts bleibt es angenehm kühl.

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Dr. Bernd Jordan

Für EAT erkunde ich am liebsten neue Reiseziele. In jüngster Zeit haben mich besonders die wilde Gebirgslandschaft im Norden von Laos, in Myanmar das Tempelfeld von Mrauk U und die Region südlich von Yangon beeindruckt. Großes Potenzial für alle Entdecker haben die Regionen Mondulkiri und Rattanakiri in Kambodscha. Wer von Phnom Penh nach Angkor will, sollte unbedingt den Landweg über Battambang wählen und von dort mit dem Boot über den Tonle Sap schippern. Hier findet man zwischen zwei touristischen Hotspots noch das ursprüngliche Asien und seine liebenswerten Menschen.

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