Mehr als nur ein Heißgetränk: Teekultur in China

Teekultur in China

Grün, schwarz, gelb, weiß oder lieber aromatisiert? Die Auswahl an Teesorten in China ist schier unendlich. Kein Wunder, wir haben es hier schließlich mit dem Mutterland des Tees und dem größten Teeproduzenten der Welt zu tun. Mehr als eineinhalb Millionen Tonnen Tee werden hier jedes Jahr hergestellt, für den Eigenbedarf und den Export. Doch Tee ist in China weit mehr als nur Getränk oder Devisenbringer. Tee ist Kulturgut. Wir verraten Ihnen alles, was Sie über Tee aus und in China wissen müssen.

Ein zartes Pflänzchen

Die Teepflanze hört auf den schönen lateinischen Namen Camelia Senesis. Sie wird ungefähr sechs Meter hoch, hat elliptische grüne Blätter und weiße Blüten. Bevor die Teepflanze geerntet werden kann muss sie erst einmal drei bis sechs Jahre wachsen. Dann allerdings können Blätter, Knospen, Blüten, Stile und Wurzeln gleichermaßen für die Produktion von Tee verwendet werden.

Die Teepflanze

Chinesische Teesträucher werden bis zu 100 Jahre alt. Sie werden vor allem im Süden und Osten des Landes angebaut. Taiwan ist ebenfalls ein bekanntes Teeanbaugebiet.

Ursprünglich wurden frische Teeblätter mit heißem Wasser übergossen. Der Geschmack dieses frischen Tees ist aber deutlich anders als wir ihn gewohnt sind. Da die Haltbarkeit frischer Teeblätter sehr gering ist, durchlaufen sie einen besonderen Prozess. Die einzelnen Schritte sind Welken, Rollen (ätherische Öle werden freigesetzt), Aussieben und Fermentation (Erhitzen und Trocknung).

Die vielfältigen Teesorten kristallisieren sich erst im letzten Prozessschritt heraus. Grüntee ist vollständig unfermentiert, Weißer Tee nur leicht fermentiert, Oolong (auch Wulong) ist ein halbfermentierter Tee und Schwarztee schließlich vollständig fermentiert.

Die Teequalität bestimmt sich durch die Beschaffenheit der Blätter aber auch durch den Erntezeitpunkt. Die Ernteperiode im Frühjahr, genannt „First Flush“, und im Mai, „Second Flush“, ergeben den hochwertigsten Tee. Der Grüntee aus der Provinz Zhejiang zählt zu den besten Tees Chinas, ebenso der Oolong aus der Provinz Fujian.

Ohne Zucker und Beutel

Chinesen trinken ihren Tee ungesüßt. Beuteltee ist ebenfalls eine europäische „Eigenart“. In China wird loser Tee direkt in der Kanne mit Wasser übergossen. Der Tee sinkt nach unten und setzt sich am Boden des Gefäßes ab; stört so auch nicht beim Ausgießen. Ein Teesatz wird mehrere Male neu aufgegossen ohne erheblich an Geschmack einzubüßen. Ein altes chinesisches Sprichwort besagt: „Der erste Aufguss für den Geschmack. Der zweite Aufguss für den Genuss. Der dritte Aufguss für das Auge. Der vierte Aufguss für die Entspannung.“

Typische Teeschale

Unterschiedliche Regionen Chinas haben unterschiedliche Teevorlieben. In Peking ist der mit Blüten aromatisierte Jasmintee sehr beliebt. In der Provinz Hunan serviert man seinen Gästen Tee mit Sojabohnen, Ingwerscheiben und Sesam. Die Beigaben werden nach dem Austrinken der Teeschale verzehrt.

Die gewöhnungsbedürftigste Teevariante genießt man wohl in Tibet. Hier wird der Schwarztee gesalzen und mit Yak-Butter verfeinert. Das Fett liefert reichlich Energie und hilft, auch an kalten Tagen warm zu bleiben.

Ein Geschenk des Himmels

Tee ist ein bedeutender Teil der chinesischen Kultur. Der Teeanbau in China ist der älteste der Welt. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass Chinesen ebenfalls die älteste Teekultur der Welt besitzen – auch wenn die japanische Teekultur berühmter sein mag und definitiv wesentlich penibler ist.

Wie weit die Ursprünge des Teeanbaus zurückreichen ist ungewiss. Im Jahr 221 v.Chr. gab es bereits eine Teesteuer. Tee wurde zu diesem Zeitpunkt allerdings hauptsächlich als Medizin verwendet. Auch heute noch sagt man dem Tee nach, entzündungshemmend zu sein und die Herz- und Nierentätigkeit anzuregen.

Ab 600 n.Chr. verbreitete sich der Tee als Genussmittel, zunächst am Kaiserhof und in der Oberschicht. Der Wandel von Medizin zu Getränk lässt sich nicht eindeutig begründen.

Eine gängige und durchaus charmante Legende besagt, dass einem chinesischen Kaiser einige Blätter des Teestrauches durch einen Windhauch in sein Gefäß mit heißem Wasser fielen und er so auf den Geschmack kam.

Das heiße Aufgussgetränk setzte sich nach und nach in allen Bevölkerungsschichten durch. Die Beliebtheit des Tees breitete sich auch über chinesische Landesgrenzen hinweg aus. Die niederländische Ostindien-Kompanie brachte Tee im Jahr 1610 erstmalig nach Europa.

Ein Getränk wird Kulturgut

In China ist Tee nicht nur ein simples Getränk. Die ersten, die das erkannten waren buddhistische Mönche. Sie verwendeten Tee, um angeregt meditieren zu können und bauten dafür eigens Teepflanzen in ihren Klostergärten an. Es war ein chinesischer Mönch, der im achten Jahrhundert das erste umfangreiche Buch über Tee schrieb.

Die aufkommende Teekultur spiegelte sich in den chinesischen Künsten wieder. Elemente und Motive des Tees und des Teetrinkens fanden sich in immer mehr Bildern, Gedichten, Gemälden, in Kalligraphie, Liedern und Tänzen wieder.

Teeservice aus Porzellan

Ursprünglich reichten einfache Kessel, Schalen und eine Schöpfkelle, um Tee zu servieren. Mit zunehmender kultureller Bedeutung wurde dem Tee ein schönerer „Rahmen“ gegeben. Seit dem 18. Jahrhundert existieren unzählige Formen an Teegeschirr. Die Art und Verarbeitung der Teekanne war ein Indikator sozialer Stellung. Das Porzellanhandwerk erlebte in diesem Zusammenhang eine regelrechte Blütezeit. Chinesisches Porzellan ist seitdem weltberühmt. Im Englischen steht der Begriff „china“ nicht nur für das Land sondern auch für Porzellan.

Tee symbolisiert Wertschätzung

Teebewirtung ist ein Zeichen der Hochachtung gegenüber Gästen. Innerhalb der Familie servieren Jüngere den Älteren Tee. Früher war es gar Tradition, dass der älteste Sohn oder die älteste Tochter des Hauses den Eltern jeden morgen frisch aufgebrühten Tee brachte. Am Tag nach einer Hochzeit hatte die Schwiegertochter früh aufzustehen und ihren Schwiegereltern Tee zu servieren.

„Professionelle“ Teebewirtung findet in Teehäusern statt. Teehäuser entstanden in den Städten Chinas als spezieller Ausdruck chinesischer Teekultur. Hier schufen, lehrten und zelebrierten Teemeister ihre Teekunst. Die Häuser waren ein Spiegelbild der chinesischen Gesellschaft. Adel und einfaches Volk, Akademiker und Künstler, Geschäftsleute und Familien gaben sich hier die Klinke in die Hand. Nach einem vorrübergehenden Einbruch in Folge der Kulturrevolution erleben die Teehäuser im alten Stil in den Städten und Metropolen momentan eine Renaissance.

Von gutem Geruch und gutem Geschmack

Teehäuser sind ist ein Erlebnis der besonderen Art! Je nach Region und Art des Tees gibt es unterschiedliche Aufgussmethoden. Eine der verbreitetsten jedoch ist „Gongfu Cha“. Für die Zeremonie benötigt der Teemeister einige Oolong-Teeblätter, zwei Teekannen und mehrere Teeschalen.

Ein Besuch im Teehaus

Zunächst reinigt und wärmt er Teeschalen und Teekannen mit heißem Wasser. Dann gibt er die Teeblätter in eine Kanne und übergießt sie mit heißem Wasser. Die Teeblätter öffnen sich und verlieren Bitterkeit. Das Wasser wird in Schälchen abgegossen aber nicht getrunken. Schließlich handelt es sich bei diesem ersten Aufguss um den „Aufguss des guten Geruchs“, der zwar ein volles Aroma hat aber auch sehr bitter ist.

Der Teemeister übergießt die vorbereiteten Teeblätter erneut mit Wasser und lässt den Tee 30 Sekunden lang ziehen. Nach diesem zweiten Aufguss, dem „Aufguss des guten Geschmacks“, schüttet er den Tee in eine zweite Kanne um, damit die Teeblätter während des Ausschenkens nicht „weiterarbeiten“ können. Erst dann werden die Teeschalen der Gäste befüllt.

Teeblätter können mehrfach übergossen werden, die Ziehzeit erhöht sich dann jeweils um 10 Sekunden. Diese „Aufgüsse der langen Freundschaft“ sind alle unterschiedlich im Geschmack.

Herzhafte Dim Sum

In Teehäusern werden oftmals verschiedene Dim Sum zum Tee gereicht. Dim Sum sind kleine gefüllte, gedämpfte oder frittierte Teigtaschen, die wörtlich übersetzt „das Herz berühren“. Es gibt unterschiedliche Geschmacksrichtungen, herzhafte und süße Dim Sum.

Treffen zu Tee und Dim Sum sind unter Familie und Freunden ähnlich beliebt und gängig wie das „Brunchen“ hierzulande.

 

Auf unseren Reisen in die Metropolen Chinas, zum Beispiel nach Peking, Shanghai, Hongkong oder Chengdu, dürfen Sie sich einen Besuch in einem Teehaus auf keinen Fall entgehen lassen. Hier erleben Sie ein Stück chinesischer Kultur – brühwarm sozusagen.

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Dr. Birgit Peschke

Ja, Korea gilt meine Liebe, aber auch an Japan habe ich einen Narren gefressen! In den Neunzigern war ich fast ausschließlich mit Chinareisen zugange, bis der große Einschnitt im Jahre 2003 in Gestalt der Sars-Epidemie die Reisewelle ins Land der Mitte unterbrach. Auf einmal hatten wir viel Zeit, die ich u.a. wieder für Reisen nutzte. Hongkong, Taiwan, Thailand – und Indien standen auf dem Programm. Seitdem haben wir Indien in unserem Portfolio. Unvergessen die ekstatischen Feiern zur Kumbh Mela in Haridwar im April 2010. Aber auch der Besuch im Goldenen Tempel in Amritsar im Oktober 2015 hat mich tief beeindruckt…

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