China: Die Tulou-Rundhäuser in Fujian

Tulou-Rundhauser im Gebiet Yongding

Die südostchinesische Provinz Fujian wird vergleichsweise wenig von westlichen Touristen bereist. Dabei gehört Xiamen zweifellos zu den schönsten Städten Chinas, und die traditionellen Rundhäuser der Hakka („Tulou“) sind eine herausragende Sehenswürdigkeit.

2008 wurden insgesamt 46 Rundhäuser ausgewählt und in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Wir bereisen die Provinz im November 2016 mit Bahn und Auto. Schon unsere erste Station – das Wuyi-Gebirge – hat uns schwer beeindruckt. Die Felslandschaft mit seinen schroffen Gipfeln rund um den „Fluss der Neun Biegungen“ braucht den Vergleich mit der Karstlandschaft Guilins nicht zu scheuen. Der Aufstieg zum Tianyou-Gipfel ist etwas stressig, zu viele Touristen drängeln sich – teilweise ziemlich rücksichtslos – auf immer schmaler werdenden Treppen der Bergspitze entgegen.

Fluss der 9 Biegungen im Wuyi-Gebirge

Natürlich genießen wir auch die zweistündige Floßfahrt vorbei an bizarren Felsformationen auf dem „Fluss der Neun Biegungen“ (Jiuqu Xi). Über uns thronen Felsensärge an den Steilhängen. An den Stromschnellen hole ich mir regelmäßig nasse Füße, 6 Personen, davon 4 Europäer, damit ist unser Floß eindeutig überladen!

Flossfahrt auf dem Fluss der 9 Biegungen

Moderne Städte in Südchina

In den modernen Städten Fuzhou und Quanzhou erfahren wir mehr über Chinas Geschichte als Seefahrer- und Außenhandelsnation. Als wir in Xiamen am Meer ankommen, liegen die Temperaturen bei sommerlichen 25 Grad. Das Stadtbild wird geprägt durch nagelneue Wolkenkratzer, gewaltige Brücken und ein Labyrinth von Hochstraßen.

Xiamen-Skyline

Die sehenswerte Altstadt mit ihren Kolonialgebäuden finden wir in der Umgebung der „Zhongshan Lu“.

Eiamen-Altstadt Zhongshan-Lu

Die Stadt gilt seit Ende der 1970-er Jahre als Vorreiter der Öffnungspolitik. Geschäftssinn scheint den Bewohnern im Blut zu liegen. Orientierungen suchte man hier im Süden stets mehr im benachbarten Taiwan als im fernen Peking.

Der traditionell vorhandene Reichtum ist deutlich spürbar im größten buddhistischen Tempel Xiamens. Der 1000 Jahre alte „Nanputuo-Tempel“ ist aufgrund seiner prachtvollen Ausstattung einer der beeindruckensten ganz Chinas.

Wer in Xiamen ist, muss auch auf die Insel! Nach einer ca. zwanzigminütigen Fährüberfahrt erreicht man Gulangyu, auch „Klavier- bzw. Musikinsel“ genannt, da es hier das einzige Piano-Museum Chinas gibt. Die Insel steht auf der Liste der besonders erhaltenswerten Kulturlandschaften Chinas. Beeindruckend sind die zahlreich erhalten gebliebenen Bauten aus der Kolonialzeit und der im Stil eines klassischen chinesischen Gartens angelegte Park „Shuzhuang“.

Xiamen Insel Gulangyu Shuzhuang Park

Die berühmten Tulou-Rundhäuser

Den Höhepunkt unseres Aufenthaltes in Fujian haben wir uns für den Schluss aufgehoben! Wir wollen mehr über die Hakka-Kultur erfahren. Dafür haben wir zwei Tage eingeplant. Unser Ziel ist Yongding, etwa 200 Kilometer von Xiamen entfernt und unweit der Grenze zur Provinz Guangdong.

Tudou-Rundhaus von außen

Auf dem Weg durch den Kreis Nanjing besichtigen wir in mehreren Dörfern die unterschiedlichsten Rundhäuser („Tulous“) der Hakka. Sie sind das Wahrzeichen der Region und inzwischen weltbekannt. Die Häuser mit der längsten Geschichte wurden vor ca. 1000 Jahren errichtet. Die größten der meist kreisrunden Häuser boten seinerzeit mehreren Hundert Personen Platz. Als Verteidigungsbauwerke besitzen sie fast keine Fenster nach außen und nur einen einzigen Eingang. Von außen sind die Häuser schlicht gebaut, aber innen teilweise reich dekoriert.

Tulou Rundhaus von außen

Es gibt keine vergleichbare Architektur auf der Erde. Ob als monumentale Einzelbauten oder als Ensemble prägen die Rundhäuser weite Teile der dörflichen Landschaft Südchinas.

Die runde Form begünstigte die Ventilation, so dass die Räume im Sommer angenehm kühl und im Winter behaglich warm sind.

Tulou Rundhaus von innen

„Tulous“ bestehen in der Regel aus zwei oder mehr konzentrischen Kreisen. Der äußere Ring ist drei oder mehr Stockwerke hoch. Im Erdgeschoss befinden sich die Küche und die Essräume, der erste Stock dient als Lager. Darüber befinden sich die Schlafräume. Der innere Ring ist zwei Stockwerke hoch mit 30 bis 50 Gästezimmern. Dazwischen gibt es eine Ahnenhalle, die von allen Bewohnern für Hochzeiten, andere Festlichkeiten oder Begräbnisse genutzt wird. Innerhalb dieser Rundbauten befinden sich auch Brunnen, Badehäuser und Getreidemühlen.

Als Baumaterial dient eine Mischung aus Erde, Kalk, gekochtem Klebereis und braunem Zucker mit Holz- und Bambusstreifen. Diese Bauweise bietet sowohl einen effektiven Schutz gegen die Einflüsse von Wetter und Erdbeben, als auch gegen Feinde. „Tulous“ werden bis in die Gegenwart gebaut. Die aufwändigsten Gebäude stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Tulou Rundhaus von innen

Die Kultur der Hakka

Als das Volk der Hakka vor über 1000 Jahren aus einem Gebiet nördlich des „Gelben Flusses“ (manche Forscher benennen auch Sibirien als Ursprungsort) nach Südchina einwanderte, brachte es eine eigene Sprache und Kultur mit. Durch die Ansiedelung in abgeschiedenen Bergregionen sowie den Bau der Erdfestungen konnte sich diese Kultur bis heute weitgehend erhalten.

Fast alle Rundhäuser werden noch von Hakka-Familien bewohnt, wenn auch meist von älteren Menschen. Die Jüngeren ziehen entweder in moderne Häuser im Dorf oder gleich in die nächste Stadt. So treffen wir in einem Rundhaus nur noch zwei ältere Damen an, die uns gerne über das Leben in der Vergangenheit erzählen. Leerstehende Wohnungen werden in der Saison zunehmend an Touristen vermietet.

Tulou Rundhaus von innen

Überhaupt hat sich in den vergangenen Jahren der Tourismus – wenn auch in bescheidenem Maße – entwickelt. Größere Hotels mit internationalem Standard sollen Touristen aus der ganzen Welt anlocken. Gleichzeitig sind viele kleine, charmante Gasthäuser in traditionellem Stil entstanden. Sie passen sich sehr gut in die dörfliche Landschaft ein und bieten für vergleichsweise wenig Geld ausreichend Komfort.

Wir haben unsere Reise durch Fujian sehr genossen. Hier verbinden sich auf sehr angenehme Weise Tradition und Moderne. Eine alte Teekultur ist allgegenwärtig. Die regionale Küche ist überdurchschnittlich gut.

Noch einmal am Strand von Xiamen

Grandiose Landschaften, herausragende Sehenswürdigkeiten und überaus freundliche Menschen machen den Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis.

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Dr. Bernd Jordan

Für EAT erkunde ich am liebsten neue Reiseziele. In jüngster Zeit haben mich besonders die wilde Gebirgslandschaft im Norden von Laos, in Myanmar das Tempelfeld von Mrauk U und die Region südlich von Yangon beeindruckt. Großes Potenzial für alle Entdecker haben die Regionen Mondulkiri und Rattanakiri in Kambodscha. Wer von Phnom Penh nach Angkor will, sollte unbedingt den Landweg über Battambang wählen und von dort mit dem Boot über den Tonle Sap schippern. Hier findet man zwischen zwei touristischen Hotspots noch das ursprüngliche Asien und seine liebenswerten Menschen.

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